Das erste Mal als Tür zu Tür Verkäuferin arbeiten!

Hattest du schon einmal einen etwas außergewöhnlichen Job? Ich jobbte als Tür zu Tür Verkäuferin in den ersten Monaten in Australien. Die Verkäufe tätigte ich für Simply Energy. Simply Energy ist ein Stromanbieter in Victoria, Australien. Zuerst erzähle ich dir wie ich dazu kam. Schnell nach meiner Ankunft merkte ich, dass die Lebensunterhaltskosten in Australien sehr hoch sind. Zwei Wochen nach meiner Landung in Melbourne kam ich zu dem Entschluss, mir direkt Arbeit zu suchen. Mein Plan war Simple. Ich nahm mir vor, von Lokalität zu Lokalität zu laufen und mein Resume auszuhändigen. Ein Resume ist ein einseitiger Lebenslauf auf Englisch. Zugegeben, mein Resume hatte ich so bearbeitet, dass ich immer genug Arbeitserfahrung in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen mitbringe. Um es mir nicht so schwer machen zu müssen, hatte ich einfach eine Vorlage aus dem Internet gezogen und diese bearbeitet. So ganz entsprachen meine Angaben nicht der Wahrheit, aber mal ehrlich: Wer will in Australien schon prüfen was ich in Deutschland gearbeitet hatte. Meine Hoffnung: Es machte ja jeder so also wird es schon irgendwie funktionieren.

Versuch 1: Ich lief zu allen möglichen Bars und Restaurants in der Nähe meiner Unterkunft. Wenn ich in eine Lokalität hineingegangen bin, fragte ich nach dem Manager. So selbstbewusst ich nur konnte versuchte ich klar zu machen, dass ich Arbeit suche und gerne in der Bar oder eben Restaurant arbeiten würde. Es ist erstaunlich wie viel Mut es mich kostete einfach nach einem Job zu fragen. Schließlich war es nur eine Frage auf die man Ja oder Nein als Antwort bekommen kann. Teilweise stand ich fünf Minuten vor der Tür bin hin und hergelaufen, weil ich mir so doof vorkam. Ich malte mir alle möglichen Szenarien aus was alles schieflaufen könnte, was meine Nervosität nur steigerte. Nachdem ich alle Lokalitäten in meiner Nähe abgeklappert hatte und 40 Resumes weniger, brauchte ich ein neues Gebiet. Eine große Hilfe, Gebiete ausfindig zu machen in denen viele Lokalitäten vorhanden waren, war Google Maps. In den verschiedenen Stadtteilen schaute ich wie viele Bars und Restaurants dort vertreten waren. Dort wo viele Restaurants oder Bars zu sehen waren, bin ich mit der kostenfreien Tram hingefahren und lief drauf los. Einen schönen Nebeneffekt hatte das ganze Laufen. Ich habe Melbourne einmal richtig gesehen und viel entdeckt.

In den meisten Geschäften in denen ich nach Arbeit fragte, durfte ich mein Resume dalassen. Die häufigste Aussage die ich bekam war: “Wir melden uns sollten sich etwas ergeben.“ Dies lief meistens ins Leere wie ich feststellte. Auch merkte ich schnell, dass ich nicht die einzige war, die einen Job benötigte. Daher gestaltete es sich wirklich schwierig einen Job zu finden. Nach ein paar Tagen war ich von meiner Suche so frustriert, dass ich mir dringend etwas einfallen lassen musste. Aufgeben gab es für mich aber nicht!

Versuch 2: Aufgrund meines geringen Erfolgs beim ersten Versuch, beschloss ich im Internet nach Jobs zu suchen. Laut den anderen Backpackern boten Gumtree und Indeed gute Möglichkeiten etwas zu finden. Im Hostel nutze ich die kostenlosen Computer und stöberte durch die beiden Webseiten. Ich bewarb mich auf alle möglichen Jobs. Drunter waren Kellner, Barkeeper, Promoter, Modeljobs, Flyer verteilen und auch Sales Agend Jobs. Unter dem Wort „Sales Agend“ konnte ich mir erstmal wenig vorstellen. Die Jobbeschreibung hingegen klang recht vielversprechend. In einem Team zu arbeiten und trotzdem selbstständig seine Arbeit zu verrichten, viel unterwegs zu sein und neue Leute kennen zu lernen klang super. Bei guter Leistung, Provision zu einem Grundgehalt zu bekommen noch besser. Da ich sehr kommunikativ bin und gerne neue Leute kennenlerne, hätte es nicht passender sein können. Ich bewarb mich auf diese und noch einige andere Stellen die ausgeschrieben waren und war gespannt, ob ich dieses Mal mehr erreichen konnte. Am nächsten Tag lag auch schon eine Einladung von der Sales Agend Stelle zum persönlichen Gespräch in meinem Emailpostfach.

In der nächsten Woche sollte das Gespräch stattfinden. Ich suchte meine schönsten Klamotten raus die mein Rucksack hergaben und machte mich auf den Weg zu dem Gespräch. Ich war neugierig wie es ablaufen wird und wie sich das Bewerbungsgespräch zu den deutschen Bewerbungsgesprächen unterschied. Bei dem Gespräch war ich nicht die einzige Bewerberin. Insgesamt waren wir zu acht. Das überraschte und überforderte mich etwas. Wir alle waren Backpacker allerdings kamen die Meisten aus England, Canada und Amerika somit sah ich meine Chancen sinken. Englisch war ja nicht meine Muttersprache. Ich hoffte das ich alles richtig verstand und ich mich nicht blamierte. Zu aller erst füllte ich ein Formular mit meinen Daten, sowie Lebenslauf aus. Von Anfang an wurde uns mittgeteilt, dass nur zwei Teilnehmer genommen werden würden. Wir saßen an einem großen Tisch mit einem Personaler der Firma. Mit einer Vorstellungsrunde fing das Gespräch an. Anschließend wurden uns verschiedene Fragen gestellt. An die genauen Fragen kann ich mich leider nicht mehr genau erinnern, da es schon einige Zeit her ist. Am Schluss erfolgten Rollenspiele in denen verschiedene Szenarien dargestellt wurden. Ich fühlte mich teilweise unwohl, da die Situation so ungewohnt war und ich nicht wusste wie ich mich schlage. Vor allem auf einer anderen Sprache mit fremden Menschen. Es fühlte sich alles so unwirklich an. Am Ende des Tages hatte ich es tatsächlich geschafft. Ich hatte den Job! Wie ich das hinbekommen habe, weiß ich auch nicht so genau. Mir war nur aufgefallen, dass sich meine Antworten immer von denen der anderen unterschied. Mir viel ein riesen Stein vom Herzen, den Job hatte ich wirklich gebraucht. Am darauffolgenden Montag ging es los.

Ich konnte mich nun „Door to Door Sales Agend“ nennen. Treffpunkt war wieder die gleiche Räumlichkeit wie bei dem Gespräch. Die anderen Mitarbeiter nannten es den „Channel“. Ich freute mich auf die neuen Erfahrungen die ich sammeln konnte. Nur hatte ich nicht wirklich eine Idee auf was ich mich eingelassen hatte. Du musst dir Vorstellen ich war noch sehr schüchtern zu dem Zeitpunkt und betrat einen Raum mit vielen lauten, aufgeweckten und energiegeladenen Menschen. Und das morgens um 8 Uhr. Wie sollte es auch anders sein, aber ich bin absolut kein Morgenmensch. Ich wurde einer kleinen Gruppe zugewiesen. Die Größe einer Gruppe lag zwischen fünf und sieben Personen. Nur damit du eine Vorstellung von dem Job machen kannst, möchte ich es dir kurz erklären. Im Wesentlichen ging es darum von Tür Zu Tür zu gehen, zu klingeln, meinen Text aufzusagen und versuchen die Person davon zu überzeugen ihren Stromanbieter zu in dem Fall Simply Energie zu wechseln.  Als erstes sollte ich den „Pitch“ lernen. Der Pitch ist der Verkaufstext mit dem man die Kunden überzeugt den Stromanbieter zu wechseln. Den Pitch kann ich übrigens immer noch, könnte ihn aber niemals übersetzten, da es in der deutschen Sprache für mich wenig Sinn ergibt. Grob übersetzt erzählt man dem Kunden, dass es eine Preissteigung für Strom gab und du dafür sorgen möchtest das der Kunde den günstigsten Preis bezahlt. Um das zu tun, müsste er mich nur seine Stromrechnung geben. Sobald man diese bekommt, hätte man die halbe Miete. Zumindest laut den anderen Verkäufern. Mit einigen anderen der Gruppe übte ich den Pitch.

Irgendwann stellten sich alle in einem großen Kreis auf und die Neulinge, zu denen ich mich dazuzählen musste, sollten sich in der Mitte aufstellen. Aufgabe: Stelle dich den anderen vor. Sag wie du heißt, wie alt du bist und wo du herkommst. Aber mit normal vorstellen war es nicht getan. Wir sollten die Informationen rausschreien so laut es geht. Derjenige der am lautesten war, gewann. Alle jubelten und waren gut gelaunt. Ich kam mir vor, als wäre ich im Irrenhaus gelandet. Im Anschluss bekam jeder von den uns noch eine „außergewöhnliche“ Frage gestellt. „Wenn du dein Leben lang nur noch eine Mahlzeit essen darfst welche wäre das?“ Easy! Schokoladenpudding. Problem nur, dass Schokoladenpudding in Australien niemand kannte. Als ich endlich erlöst wurde, stellte ich mich zurück in den großen Kreis. Wieder schrien sich alle den Pitch kreuz und quer zu. Jetzt hatte ich definitiv das Gefühl, ich bin bei den Irren gelandet. Trotzdem war es irgendwie super witzig. Auf einem Whiteboard bekam jeder sein Persönliches Ziel festgelegt. Ich sollte am Ende des Tages den Pitch können. Wir liefen alle zu unseren Minivans mit denen wir in die Gebiete rausfuhren.

Im Van erklärte mir Gruppenleiterin Emily, dass es Tradition ist, dass jeder neue der Gruppe eine peinliche Story erzählen muss. Ich versuchte mich rauszureden, lies mich dann aber doch breitschlagen. Immerhin kannte dort mich niemand oder meine Freunde. Auf dem Weg hielten wir schnell an einem Supermarkt um uns zu stärken. Es sollte auch die einzige Pause für den restlichen Tag sein.  An unserem Ziel angekommen zog ich mit Emily los. Bei jedem Möglichen Zeitpunkt wiederholte ich den Pitch. Sie erklärte mir auch wie wichtig dabei die Körpersprache ist. Menschen sind sehr fixiert auf die Körpersprache. Diese ist fast wichtiger als das gesprochene Wort. Die erste Tür lag vor uns. Wir klingelten und ein junger Mann öffnete die Tür. Emily legte direkt mit dem Pitch los. Das wichtigste war es, die letzte Stromrechnung zu bekommen, damit wir dem Kunden aufzeigen können das Simply Energy die günstigste Option ist. Ich konnte mir das immerhin noch merken. Der Kunde brachte und die Stromrechnung. Emily rechnete ein wenig hin und her zeigte auf, dass es günstiger mit Simply ist und Bang! Sie hatte einen Sale. Mit einem IPad nahm sie alle nötigen Daten auf, um den Verkauf abzuschließen. Wir riefen noch bei einer anderen Firma mit Sitz auf den Philippinen an, um die Daten nochmal telefonisch durchzugeben. So war der Kunde vor Ort, bekam alles mit und alles ging mit rechten Dingen zu.

Am Ende des Tages trafen wir uns wieder im Channel. Von dort aus liefen wir gemeinsam zu einer Bar um ein Feierabendbierchen zu trinken und die Gemeinschaft zu fördern. Zuhause angekommen viel ich todmüde in mein Bett. Am nächsten Morgen fand ich mich pünktlich um 9:00 Uhr im Channel ein. Und dreimal darfst du raten: Alle schrien, hüpften und tanzten wild durch die Gegend. Jeder übte den Pitch und wir stellten uns anschließend wieder im Kreis auf und wiederholten alle Gepflogenheiten wie am Tag davor. Heute waren auch wieder neue Mitarbeiter da und mussten durch die gleiche Prozedur wie ich am Vortag. Die Ziele jedes einzelnen wurden abgesteckt und ich durfte mit Emilys Hilfe auch endlich mein Glück bei den Verkäufen versuchen. In unserem Gebiet angekommen, legten wir sofort mit der Arbeit los.

 Ich schaute Emily die Hälfte des Tages bei Ihren Pitches zu um zu lernen. Endlich war ich auch an der Reihe. Ich dachte in eine öffentliche Lokalität reinzulaufen war Nervenaufreibend aber an eine Haustür zu klopfen und etwas zu Verkaufen war viel schlimmer. Mein erster Pitch lief nicht so gut, da ich etwas zu schüchtern an die Sache ranging. Von Tür zu Tür wurde ich immer sicherer und auch meine Körpersprache verbesserte sich erheblich. Im Laufe des Nachmittags schaffte ich es die eine oder andere Stromrechnung zu bekommen und abends erzielte ich tatsächlich einen Sale. Mit Emilys Hilfe versteht sich. Es fühlte sich dennoch an jeder Tür aufs Neue komisch an. Nach zwei Tagen wurde ich dann mit einem eigenen IPad ausgestattet und alleine losgeschickt. Dort konnte ich alle Straßen sehen, die ich erledigen sollte. Für jedes Haus konnte ich Informationen eintragen wie z.B. „Niemand zuhause“, „Kein Interesse“ oder „Sale“. Es war sehr anstrengend alle Türen zu schaffen. Oftmals wurden mir die Türen vor der Nase zugeschlagen oder die Menschen waren sehr unfreundlich. Ich kann es ihnen auch nicht verübeln. Wer mag auch schon wildfremde Verkäufer. Hin und wieder hatte ich Glück und mir wurde Wasser oder Kaffee angeboten, es war zu der Zeit ja Sommer in Down Under. Leider war das in der kompletten Zeit bei Simply die Seltenheit.

Das war nun mein Arbeitsalltag: Klopfen, reden und eventuell einen Sale schaffen. Mein Fazit: Es war auf jeden Fall eine super Erfahrung und ich bin froh, dass ich die Chance nutzen durfte. Ich habe viel über Körpersprache und Kommunikation gelernt, was mir für meine zukünftigen Jobs sehr geholfen hat. Die Gruppendynamik war super und mit den anderen Verkäufern hatte es auch sehr viel Spaß gemacht zu arbeiten. Abends mit den Kollegen auf einen Drink wegzugehen und Kontakte zu knüpfen, waren sehr schön. Leider war das mit dem Verkaufen so gar nicht mein Fall. Menschen die sehr unfreundlich waren, mir die Tür vor der Nase zuwarfen oder sogar die Polizei rufen wollten, hatte schon einen bitteren Beigeschmack. Ich hatte vielleicht Talent aber das reichte leider nicht aus. Oftmals machte ich keine, wenn überhaupt nur einen Sale. Das war zu wenig. Das sah nicht nur ich so, sondern auch mein Bankkonto sowie mein Chef. Nach ca. vier Wochen verließ ich das Unternehmen wieder, aber bin dankbar für die Zeit die ich dort war. In diesen vier Wochen habe ich viel für die Zukunft gelernt und mitgenommen. Das wichtigste was ich lernte war, dass ich nicht noch einmal als Sales Agent arbeiten möchte.

Hattest du schon einmal einen Job gemacht der irgendwie toll war aber einfach nicht dein Ding? Erzähle mir davon oder schreib es in die Kommentare.

Ich freue mich von dir zu hören.

Deine Julia!

Photo by Prateek Katyal from Pexels

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